Wurde mal wieder Zeit. Das alte Layout hat einige Kritiker gehabt. Witzig ist, dass es so gut funktioniert hat. Anscheinend zu gut. Denn wir mussten uns immer sagen lassen, dass den Besuchern nichts anderes übrig blieb als unsere Texte zu lesen. Und jetzt kommt der Schocker. Genau das sollten Sie ja tun! Da spreche ich also mit einem guten Freund über die Website und der sagt, ihm würde etwas fehlen. Er habe die Texte gelesen und fand sie richtig gut. Aber irgendwie wäre die Seite zu unkonventionell. Vor allem die Hauptnavigation hat ihn gestört.
Seit 14 Jahren beobachtet Usability-Guru Jakob Nielsen, dass Erstbesucher einer Website die Navigation ignorieren. Fast alle Probanden zeigen immer wieder das gleiche Verhaltensmuster. Sie ignorieren Navigationsbereiche und orientieren sich direkt am Inhalt. Sie schauen dahin, wo der Text steht. Warum also nicht einfach mal auf der Website die Navigation zu einem Textblock machen? So geschehen in diesem Layout. (Ein Klick lädt die 1:1 Variante.)
Eigenschaften der A-Variante: Die Navigation ist zwar deutlich, aber nicht zu deutlich. Jeder sollte sie erkennen. Sie gibt in wenigen Sätzen den totalen Überblick für den Erstbesucher. Beschwerde war: „Das soll ich alles Lesen?“ Der Haupttext wurde sofort gelesen. Der Leser hatte das Gefühl, dass er zu etwas gezwungen wurde. Großer Vorteil: Die Besucher hatten im Testzeitraum wesentlich öfter auf unsere Zusatzangebote (Suchmaschinenoptimierung, Barrierefreiheit, Webdesign-Outsourcing) geklickt. Ganz einfach, weil diese Links höher stehen. (Ein ähnlicher Effekt hätte sich wohl auch mit einer horizontalen Topnavigation erreichen lassen.)
Die Kommentare darauf? „Das lese ich doch niemals! Das ist mir zu viel Text für eine Navigation!“ Obwohl das Lesen der Navigation vielleicht gerade mal 30 Sekunden dauert, ist das etwas, worauf sich viele LeserInnen nicht einlassen wollen. Auch wenn dieser Text innerhalb der investierten 30 Sekunden einen hervorragenden Überblick über die vorhandenen Bereiche der Website gibt. Der Text ist knapp und setzt die verschiedenen Bereiche mittels Sprache in Zusammenhang, anstatt einfach nur eine unzusammenhängende Masse an Links zu repräsentieren. Da wüsste die Leserin doch gleich, in welcher Reihenfolge die Website zu lesen ist. Und das alles ohne Layout, sondern nur mit ein paar kleinen Wörtern Drumherum. Perfekt, oder?
Nein, anscheinend völlig unakzeptabel. Viel zu einfach. Denn Websitescanner haben es eilig. Es ist wichtiger sich ein halbwegs akkurates Bild von den Inhalten einer Website zu machen und wild rumzuklicken, in der Hoffnung man findet schon das Richtige, als mal schnell einen kurzen Text zu lesen und genau Bescheid zu wissen, was man auf der Website zu erwarten hat. Sowas kann man schließlich nicht von jemandem verlangen – Lesen meine ich. Selbst, wenn das Hauptziel der Website (und auch das Einzige, was sie zu bieten hat) ist, dass die Leser durch die Lektüre einer Reihe von Texten hoffentlich zu der Entscheidung bewogen werden, sich bei uns zu melden ;)
Obwohl das alte Design laut unseren internen Tests hervorragend funktionierte, haben wir aus mehreren Quellen vernommen, dass sich die Leser überrumpelt fühlten. Anscheinend haben Sie nicht erwartet, dass sie so schnell an den Verkaufstext herangeführt werden. Denn das alte Layout war genau darauf ausgerichtet. Bis auf ein paar Kleinigkeiten gab es einfach nichts Anderes auf der Startseite zu bewundern als den Verkaufstext. Da muss ich wohl oder übel mit genau diesem anfangen. Der Text sei „super“ aber ich will doch gar nicht „lesen“ oder zumindest nicht das Gefühl haben, dass ich direkt lesen „soll.“
Eigenschaften der B-Variante: Die Navigation hat ein auffälligeres Design. Es fällt sofort ins Auge. Unsere Tests zeigten: die Besucher lesen den Text auf der Startseite nicht. Laut Gesprächen haben Sie aber ein „besseres“ Gefühl und fühlen sich nicht so übers Ohr gehauen.
Andere Kritikpunkte waren, dass wir als „Designunternehmen“ doch auch mehr Flagge zeigen sollen. Berechtigt. Außerdem hatte der Neubesucher Schwierigkeiten damit zu erkennen, um was es sich bei dieser Website genau handelt. Ebenfalls berechtigt. Das und noch einige andere Kritikpunkte haben wir berücksichtigt und einen Neustart gemacht. Sogar ein paar Tage vor dem offiziellen Reboot Termin (traditionell ist der 1. Mai der Tag, an dem viele Unternehmen ihre Website mit einem neuen Layout „relaunchen“). Ich bin jedenfalls mal gespannt, ob unsere internen Tests (z. B. mit CrazyEgg aber auch die Log-File-Analyse) jetzt zeigen, dass das Layout ineffizienter ist, aber die Zufriedenheit unserer Kritiker sich verbessert. Vielleicht muss man ja standhaft bleiben und das Glück seiner Besucher erzwingen? Was meinen Sie?
(Kommentare bitte per E-Mail, bis ich Zeit habe eine Kommentarfunktion zu programmieren)
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