Ist barrierefreies Webdesign teurer als „herkömmliches“ Webdesign?
Saša Ebach schrieb am 21.4.2007 zum Thema „Standards und Barrierefreiheit“.
Kurze Antwort: Nein!
Lange Antwort: Kann teurer werden, muss aber nicht. Lesen Sie, warum.
Barrierefreiheit wird nicht einfach aufgestülpt
Barrierefreiheit ist kein Knopf, den man einfach drücken kann, um eine fertige Website plötzlich barrierefrei zu machen. Barrierefreiheit muss man von Anfang an, schon bei der Entwicklung einer Website, berücksichtigen. Ansonsten kann es in der Tat recht teuer werden. Das ist ähnlich wie beim Hausbau. Sie haben gerade Ihr erstes Haus fertig gebaut. Da fällt Ihnen auf, dass es schön wäre jetzt noch einen Keller darin zu haben. Ihr Architekt wird Ihnen jetzt mit Sicherheit empfehlen direkt ein neues Haus zu bauen.
Wer die notwendigen Web-Techniken beherrscht und sich an die empfohlenen Richtlinien hält, braucht für eine barrierefreien Website auch nicht länger als für eine „nicht barrierefreie Version“. Denn viele dieser Richtlinien (Paragraph 2 der BITV NRW) sind erfreulicherweise sehr einfach umzusetzen. Dazu gehören unter anderem:
- Inhalte und Erscheinungsbild sind so zu gestalten, dass sie für alle wahrnehmbar sind.
- Die Benutzeroberflächen der Angebote sind so zu gestalten, dass sie für alle bedienbar sind.
- Inhalte und Bedienung sind so zu gestalten, dass sie allgemein verständlich sind.
Hinter jedem dieser allgemein gehaltenen Sätze verbergen sich viele technische Empfehlungen und konkretere „Richtlinien“, die aufzuzählen den Umfang dieses Artikels sprengen würde. Für technisch Interessierte: Lesen Sie den Originaltext der BITV beim Bundesministerium für Gesundheit und Soziale Sicherung.
Was Sie an dieser Stelle jedoch besonders interessieren dürften, sind Antworten auf folgende Fragen.
- Wie kann ich als Normalsterblicher diese Richtlinie interpretieren (mit Beispiel)?
- Wie ist Barrierefreiheit preiswert oder gar kostenlos zu erzielen? Und wann kann sie teuer werden?
- Wann lohnt es sich für mich, vollends in die Barrierefreiheit zu investieren?
Sehen wir uns das kurz genauer an. Fangen wir an mit der Richtlinie 1:
1. Inhalte und Erscheinungsbild sind so zu gestalten, dass sie für alle wahrnehmbar sind.
Damit ist gemeint, dass alle Grafiken und Texte auf Ihrer Website so eingebaut und angeordnet sein sollten, dass Besucher – unabhängig von ihrer Behinderung – ein ähnliches audiovisuelles Erlebnis haben. Dass Ihre Website zum Beispiel für Blinde vorlesbar ist oder dass man sie sogar „fühlen“ kann. Für Ihre Seite mit Artikeln könnte das heißen, dass Sie allen Besuchern die Möglichkeit bieten sollten, eine Liste Ihrer Artikel aufzurufen, diese nach Kategorien zu sortieren und sie effizient zu lesen. Das hört sich nach gesundem Menschenverstand an. Ist es auch. Trotzdem finden Sie im Internet viele Websites, deren Schriftgröße sich in einigen Browsern nicht verändern lässt. Das garantiert keine besonders hohe Leseeffizienz. Wer schlecht sehen kann oder älter ist, hat damit oft ein großes Problem. Dieses Handicap kann jeder gute Webdesigner schnell und „kostenlos“ beseitigen.
Andere Hindernisse, die in diese Kategorie fallen, sind:
- Multimedia-Inhalte, vor allem Videos, ohne Untertitel. Gehörlose können solche Videos nicht verstehen.
- Keine Trennung von Inhalt und Layout. Ein echtes Problem für Menschen, die sich Seiten von technischen Hilfsmitteln vorlesen lassen oder Internetseiten in reinen Textbrowsern lesen. Testen Sie es selbst. Schauen Sie sich Ihre Website mit dem Lynxviewer an. Macht der Aufbau Ihrer Website darin noch Sinn?
- Starre Schriftgröße. Sorgen Sie dafür, dass die Schriftgröße auf Ihren Seiten änderbar ist. Sie tun damit allen einen großen Gefallen. Aber besonders der kaufkräftigsten internationalen Zielgruppe – den Senioren.
- Blitzer und Blinker. Verzichten Sie darauf. Sie könnten damit einen Epileptiker schnell in den nächsten Anfall schicken. Wenn diese Animationen sein müssen, weisen Sie vorher ausdrücklich auf das Blitzen hin.
- Technologien, die zusätzliche „Plugins“ voraussetzen. So nützlich der Einsatz von zusätzlichen Technologien wie Flash, Java-Applets, Shockwave, etc. sein kann... er ist selten zwingend notwendig. Viele Websites übertreiben es mit diesen technischen Aufrüstungen bis zum Overkill. Setzen Sie solche Technologien nur ein, wenn Sie einen sehr guten Grund dafür haben.
Kommen wir zur Richtlinie Nummer 2:
2. Die Benutzeroberflächen der Angebote sind so zu gestalten, dass sie für alle bedienbar sind.
Sie sehen es jeden Tag: Zu kleine Navigationsschaltflächen (Buttons), zu kleine Schrift, Navigation in Java oder Flash (obwohl nicht nötig), verschachtelte Dropdown-Menüs mit 8 Ebenen... dabei ist es so leicht, die Navigation auf einer Website wirklich „einfach“ zu gestalten. Dennoch versuchen viele, das Rad immer wieder neu zu erfinden.
Einfachheit ist es, die Ihre Besucher von Ihrer Website erwarten. Und Einfachheit ist es, die Ihnen mehr Umsätze bescheren wird. Ob behindert oder nicht, Ihre Besucher werden es Ihnen danken, wenn sie auf Ihrer Seite keine unnötige Zeit verschwenden müssen. Barrierefreies Webdesign in Kombination mit einem durchdachten Navigationskonzept ist eine wunderbare Grundlage für erfolgreiche Websites.
Sie werden es kaum glauben, die Besucher Ihrer Website wollen es in der Regel „*schnell und einfach*“ und nicht „*schön bunt und wild*“.
Damit meinen wir nicht, Ihre Website soll gähnend langweilig sein. Auch wir lieben Entertainment. Doch, wenn es um das Geschäft geht, so zeigen die Erfahrungen, hört der Spaß auf. Bei Ihren Besuchern und erst recht bei Ihren Kunden.
Weitere Dinge, die bei der Gestaltung oft schief gehen:
- Keine Alternativ-Texte bei grafischen Elementen. Das macht die Navigation für Blinde unmöglich.
- Bedienung der Website basiert auf Farbcode. Beispielsweise, wenn die Navigation über Farbcodes geschieht. „Klicken Sie auf den roten Button, um unsere Produkte anzusehen.“ Rot steht für „Über uns“, Gelb für „Produkte“, Grün für „Kontakt“. Ästhetisch vielleicht wunderschön treiben solche „Designmittel“ Farbenblinde in den Wahnsinn. Wussten Sie, dass Farbenblindheit bei Männern sehr stark verbreitet ist? Fast jeder zehnte Mann leidet darunter! Können Sie auf so viele potenzielle Kunden verzichten?
- Wilde Animationen. Sich drehende Elefanten, fliegende Hunde, krachende Sounds, „Intros“... alles schon gesehen. Mal abgesehen davon, dass solche Sachen i.d.R. keinen echten Business-Nutzen haben, können sie auch die Navigation und die Wahrnehmung Ihrer Website deutlich verschlechtern.
Die beiden ersten Richtlinien sind simpel umzusetzen. Eine hart zu knackende Nuss ist hingegen Richtlinie Nummer 3:
3. Inhalte und Bedienung sind so zu gestalten, dass sie allgemein verständlich sind.
Diese Richtlinie besagt, dass alle Inhalte (Text, Audio, Video, Navigation, etc.) auf Ihrer Website für ALLE Menschen verständlich sein müssen. Das kann aufwändig werden. Trotzdem ist dieser Punkt wahrscheinlich der wichtigste von allen. Sie müssen den Nutzen Ihrer Produkte und Dienstleistungen klar und deutlich „rüberbringen“ – und das allein durch die Sprache, also durch Texte.
Hier die häufigsten Missstände:
- Navigationselemente sind falsch oder unverständlich beschriftet. Sie kennen das: Sie klicken auf einen Button und landen auf einer völlig unerwarteten Seite. So habe ich selbst unlängst auf einer Website drei Minuten lang nach der „Impressum“ Seite gesucht. Gefunden habe ich sie unter dem Menüpunkt „Kolophon“. Laut Duden bedeutet dieses Wort „Schlussformel mittelalterlicher Handschriften u. Frühdrucke mit Angaben über Verfasser, Druckort u. Druckjahr; vgl. Impressum.“ Also inhaltlich völlig korrekt. Jedoch keineswegs barrierefrei. Wer keine Lust oder Zeit hat, im Duden nachzuschlagen - klickt direkt zur Konkurrenz.
- Zu komplizierte Anweisungen für das Bezahlen im Online-Shop.
- Sinnleere Introseiten. Beispiel: Klickt man auf „Produkte“, landet man auf einer Seite mit der Überschrift Produkte, auf der jedoch kein Text steht. Stattdessen ändert sich lediglich das Navigationsmenü.
- Infoseiten werden plötzlich zum Online-Shop. So gesehen bei einem Modellbauanbieter. Will man sich über ein bestimmtes Modell informieren, landet man unweigerlich im Online-Shop. Und in dem werden nur Orderinformationen zum Modell geboten.
100%-ige Barrierefreiheit ist ein Ideal
So wie es im Leben keine Schwarz- oder Weiß-Entscheidungen gibt, so wird im Internet auch nie die reine Lehre der Barrierefreiheit umgesetzt werden können. Jede Website ist nur bis zu einem bestimmten Grad barrierefrei. Und der lässt sich am ehesten in Prozent angeben -– abhängig vom Projekt und der angepeilten Zielgruppe.
Eine Beispielrechnung für Projekt X:
Eine 60%-ige Barrierefreiheit lässt sich ohne Aufpreis erreichen. Die nächsten 20% werden moderate Kosten verursachen. Unter Experten wird immer über 10 bis 20% der Gesamtkosten gesprochen. Und für die letzten 20% an Barrierefreiheit werden Sie tief in die Tasche greifen müssen. Ob sich das lohnt, muss von Fall zu Fall geprüft werden.
Lassen Sie uns also erst mal die ersten 60% erreichen und ernsthaft über die nächsten 20% nachdenken.
Können Sie hingegen absehen, dass es sich für Sie wirklich lohnt, in die weitgehende Barrierefreiheit zu investieren, machen sich auch die teuren Feinoptimierungen für Sie bezahlt.
Wann Barrierefreiheit ins Geld geht.
Fast alle Verbesserungsmöglichkeiten, die in diesem Artikel angesprochen wurden, verursachen keine oder nur geringe Kosten – wenn sie von vorneherein berücksichtigt werden. Kostspieliger wird es bei folgenden Maßnahmen:
- Wenn Videos und Multimedia Untertitel brauchen. Wenn Sie z.B. einen Online-Lerndienst anbieten, der hauptsächlich Trainingsvideos zu Computerthemen offeriert, könnte sich das Ganze rechnen. Viele Gehörlose arbeiten mit Computern und sind daher auch ein hervorragendes Zielpublikum für solche Produkte.
- Wenn Sie Ihre Zielgruppen vergrößern möchten. Beispielsweise, wenn Sie Klingeltöne fürs Handy über Ihre Website verkaufen. Die sollen ja weggehen wie warme Semmeln. Hier könnte es sich lohnen, Ihre Texte von einer spezialisierten Agentur in „leichter Sprache“ formulieren zu lassen. Das vergrößert Ihren Kundenkreis erheblich. Je nach Zusammensetzung Ihrer Zielgruppe kann es erforderlich werden, mehrere Versionen Ihrer Website-Texte zu pflegen. Das heißt, jede Seite muss doppelt angefertigt werden. Wenn Ihre Website dann noch in 2 weiteren Sprachen vorliegt (z.B. Englisch und Französisch), muss jedes Mal, wenn eine Seite neu erstellt oder geändert wird, an 6 verschiedenen Versionen gearbeitet werden. Wir müssen Ihnen nicht vorrechnen, dass das sehr kostenintensiv sein kann. Den größten Teil der Kosten verursacht hier aber nicht das barrierefreie Webdesign, sondern die redaktionelle Arbeit. Ein wunderschönes Beispiel eines Textes mit „leichter Sprache“ finden Sie auf der Seite des BIENE-Awards (eine Auszeichnung für besonders barrierefreie Websites). Lesen Sie dazu zuerst den normalen Text und danach den gleichen Text in leichter Sprache. Dieser Text erklärt auch direkt, was ein BIENE-Award ist.
- Wenn Sie Special-Interest Themen haben. Zum Beispiel, wenn Sie Ihr Geld im Internet mit spezialisierten Inhalten verdienen: Artikeln für Computer-Profis, Nachrichten, Börseninfos... Bieten Sie dann einen zusätzlichen Dienst an, der die Texte auf Ihrer Website vorliest. Legasthenie kommt häufiger vor, als Sie vielleicht meinen. Typische Schwierigkeiten beim Lesen sind niedrige Lesegeschwindigkeit, häufiges Stocken, Verlieren der Zeile im Text, aber auch das Auslassen, Vertauschen oder Hinzufügen von Wörtern, Silben oder einzelnen Buchstaben. Bis auf die Legasthenie sind solche Menschen i.d.R. von „Gutlesern“ nicht zu unterscheiden. Sie sind intelligent und führen ein völlig normales und erfülltes Leben. Ihnen hilft oft schon, wenn sie keine Texte lesen müssen, sondern sie vorgelesen bekommen. Dafür gibt es im Internet spezielle Dienstleister, die sich auf das Vorlesen von Texten spezialisiert haben. Das könnte bei Ihrer Zielgruppe gut ankommen und Ihnen neue Kundenkreise erschließen.
Aber auch wer gut lesen kann, profitiert von diesem Service. Denken Sie nur an die boomenden Hörbücher! Die meisten Kunden können perfekt lesen, haben nur keine Lust dazu. Wie sich das Vorlesen anhört? Probieren Sie es einfach mal auf den Seiten des Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie e. V. aus.
Wie Sie mit barrierefreien Seiten mehr Geld verdienen
Unser Tipp: Beginnen Sie noch heute damit, Ihre Internetseiten barrierefrei zu machen. Indem Sie wenigstens die Richtlinien befolgen, die keine großen Kosten verursachen. Sie helfen damit nicht nur anderen Menschen. Sie machen damit auch Ihre Website automatisch interessanter - für die Suchmaschinen, für neue Kunden, für mehr Umsätze.
Wenn Sie wissen wollen, warum Sie mit Ihrer barrierefreien Website mehr Geld verdienen können, fragen Sie uns einfach.